Auf der Klosterroute unterwegs

Entschleunigung auf zwei Rädern

Was macht die „Radverantwortliche“, wenn eine ausführliche Beschwerde zur Radbeschilderung in der Urlaubsregion Altes Land eingeht? Genau – sie setzt sich aufs Rad und fährt die Tour selbst einmal ab. Ohne Kartenmaterial, nur nach Beschilderung… und für alle Fälle dabei: das Smartphone mit der runtergeladenen App „Altes Land am Elbstrom“… man weiß ja nie.

Dieses Mal hat es die knapp 60 km lange Klosterroute auf der Stader Geest getroffen. Es sollen Schilder nicht oder nur schlecht sichtbar sein, an einigen Stellen sogar fehlen. Mit „Anreise“ zur Route liegen rund 80 km vor mir und es soll ein warmer, sonniger Tag werden. Also geht es gleich morgens um 08:00 Uhr hoch motiviert in Stade los. Die Sonne lacht, den Wind im Rücken, was wünscht sich das Radlerherz mehr? Mitten im Wald zwischen Lusthoop und Frankenmoor stoße ich auf die erste Ausschilderung der Klosterroute und folge ihr über den Königsdamm in Richtung Brest. Den Namen trägt der Weg zu Recht, finde ich. Alles plan, wie man hier so schön sagt, das Rad rollt wie von selbst. Trotz bestem Radfahrwetter bin ich allein auf weiter Flur, den letzten Radfahrer habe ich gleich zu Beginn der Tour überholt. Die ländliche Ruhe und der von Bäumen gesäumte Weg haben irgendwie etwas Meditatives. Kurz vor Brest radele ich an einer Wiese mit „Freilandschweinen“ vorbei, die in der Morgensonne gemütlich frühstücken.

Reith ist mein nächstes Ziel. Auf dem Weg dorthin halte ich am „Museumsacker“, der vom Museumsverein der Samtgemeinde Harsefeld angelegt worden ist. Zwei Bänke laden hier zum Ausruhen ein. Der Acker wird jedes Jahr von zwei dritten Klassen der Rosenborn-Grundschule in Harsefeld betreut. Sie pflanzen im Frühjahr die Kartoffeln, pflegen diese mit „alten Hilfsmitteln“, wie sie in der Harsefelder Museumsscheune zu finden sind und feiern im Herbst die Ernte mit einem großen Fest.

Bisher läuft beschilderungstechnisch alles optimal, denke ich optimistisch, alle Schilder auf Anhieb gefunden, nichts verdreht oder unverständlich. Das ändert sich prompt an der nächsten T-Kreuzung, wo gar kein Schild steht… Links oder rechts, das ist hier die Frage… Und wo genau bin ich überhaupt? Einmal kurz auf die Route in der App gelinst…, kurz vor Fehrenbruch im Landkreis Rotenburg also. Die App sagt, ich muss nach Fehrenbruch, also links abbiegen und in Fehrenbruch selber auch noch mal links in den Fehrenbrucher Kamp. Hier säumen erst Obstbäume den Weg, dann wird es waldig auf der Weiterfahrt Richtung Winderswohlde. Die nächste Kreuzung stellt mich erneut vor die Frage, wo geht es denn weiter mit der Klosterroute? Auch hier hilft nur der Blick aufs Smartphone, der mir zeigt, dass ich – oh Wunder – erneut links abbiegen muss. Die Sonne wird schon kräftiger und ich freue mich, auf dem Weg nach Wohlerst den Schatten der Bäume nutzen zu können. Im Ort sehe ich das lang vermisste Klosterrouten-Logo, das Richtung Kakerbeck weist. Die Windmühle von Kakerbeck ist schon von weitem sichtbar. Der Rastplatz vor der Mühle erinnert mich daran, mal eine kleine Snack-Pause einzulegen.

Dass auch die Klosterroute nicht ganz ohne Holperstrecke auskommt, zeigt sich mir auf dem nächsten Abschnitt über Oersdorf und Kohlenhausen zum Napoleonsweg mit seinen Findlingen. Dieser Weg wird seit über 1000 Jahren genutzt, sei es von Pilgern, die auch heute noch auf dem Jakobsweg oder der Via Romea unterwegs sind, oder von Händlern, die zwischen Zeven und Stade umherzogen. Als Napoleon mit seinen Truppen hier entlang marschierte, verbreiterten sie den einst schmalen Weg auf 24 Meter. Heute erinnern insgesamt 25 Themen-Findlinge des Heimatvereins Ottendorf an die Geschichte des Weges.

Auf den nächsten 20 Kilometern bis nach Ahlerstedt mutiere ich langsam vom motivierten Radler zum nörgelnden Kleinkind, das auf der Rückbank im Auto ständig fragt, sind wir schon da?? Die Beine werden schwerer und irgendwie kann ich mir gerade nicht vorstellen, dass ich meinen Fahrradsattel jemals als bequem empfunden habe. Die weite, leicht-hügelige Geestlandschaft verliert langsam für mich an Reiz, nirgends eine Menschenseele, keine Rastmöglichkeit, der Wind kommt zu allem Übel auch noch von vorne. Leider habe ich den Bäcker in Wangersen links liegen gelassen. Der Hoffnungsschimmer, in Ahrenswolde eine Kaffeepause zu machen, wird von der Routenführung kurzerhand zu Nichte gemacht. Knapp 200 m vor dem Bäcker werde ich nach rechts über Ahrensmoor-Ost und Ahrensmoor-West nach Ahlerstedt geführt. Bevor meine Stimmung den absoluten Nullpunkt erreicht, taucht die Beluga – das Transportflugzeug von Airbus – auf. Strahlendes weiß vor tiefblauem Himmel, was für ein schöner Anblick und für mich tatsächlich der benötigte Motivationskick.

Also frisch in die Pedale getreten und kurz darauf entdecke ich am Schuldamm zwischen Ahrensmoor-Ost und -west auch noch eine Bank für die heißersehnte Pause. In Ahrensmoor-West bin ich im Paradies… so heißt zumindest die Straße, irgendwie passend für eine Klosterroute. Allerdings versteckt sich hier ein Zwischenwegweiser so hinter Bäumen, dass ich ihn erst bemerke, als ich schon fast vorbei bin. Da habe ich gerade noch mal die Kurve gekriegt. Kaum raus aus dem Paradies, wird es lebhafter auf den Straßen und Wegen, in Ahlerstedt ist um die Mittagszeit doch einiges los. Mein landschaftliches Highlight der Klosterroute liegt kurz hinter Ahlerstedt, der Naturwald Braken. Dieser Wald aus dem Mittelalter gehörte zum Benediktinerkloster in Harsefeld. Schon die Mönche schützten ihn, indem sie große Teile nachhaltig bewirtschafteten. Heute steht er als historisch alter Wald unter Naturschutz und ist das größte naturnahe Laubwaldgebiet auf der Stader Geest.

Mit dem Erreichen von Harsefeld habe ich gut dreiviertel der Strecke hinter mir, also höchste Zeit für eine Belohnung in Form von Eisbecher und Milchshake. Beides genieße ich mit Blick auf den Klosterpark Harsefeld und die St. Marien und Bartholomäi-Kirche. Im Klosterpark sind die Reste des ehemaligen Benediktiner-Klosters ausgegraben, das über 500 Jahre zu den geistigen Machtzentren Norddeutschlands zählte. Es war direkt dem Papst unterstellt und wurde zum Ende des dreißigjährigen Krieges aufgelöst. Heute ist der Klosterpark Kulisse für viele Veranstaltungen in Harsefeld, wie dem Klassik-Open-Air oder dem Harsefelder Herbstzauber.

Gut erholt und gestärkt mache ich mich auf zur letzten Etappe. Vor mir liegt der BERG – also eigentlich eher ein Hügel – der aus dem Talkessel von Harsefeld durch das Naturschutzgebiet Aueniederung führt. Der Auewanderweg verbindet Harsefeld mit Bargstedt. Auch in Bargstedt ist ein Radschild so gut getarnt, dass ich es fast übersehe. Der weitere Weg über Frankenholz und durch das Frankenmoor ist wieder gut ausgeschildert. Nach insgesamt sechs Stunden erreiche ich meinen Ausgangspunkt. Am nächsten Tag im Büro werden direkt die Aufträge für die fehlenden Schilder und das Freischneiden der versteckten Schilder erteilt.

Fazit: eine schöne Tour mit viel Gegend und einem fast meditativen Charakter, vorausgesetzt man führt ausreichend Verpflegung mit sich und legt die eine oder andere Pause ein.

Altes Land -Stade

Loading