Vom Baumschnitt bis zur Frucht

Ein Apfeljahr im Alten Land am Elbstrom

Hallo, ich bin ein Apfelbaum und stehe auf einer der vielen Apfelplantagen im Obstgarten Altes Land, dem Namensgeber der Urlaubsregion Altes Land am Elbstrom. Hier an der Unterelbe, vor den Toren Hamburgs, liegt tatsächlich das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Nordeuropas. Von der rund 10.550 ha großen Obstanbaufläche nehmen wir Apfelbäume mit rund 90 Prozent die wichtigste Rolle ein. Allerdings sind wir nicht so groß gewachsen, wie die Bäume, die man so von Streuobstwiesen oder dem eigenen Garten kennt. Wir haben eine bequeme Pflückhöhe, sind also eher etwas kleiner, kompakter und ertragreicher als unsere hoch gewachsenen Nachbarn. Diese Baumvariante nennt man übrigens Niederstammform. Bevor die Obstbauern im Spätsommer und im Herbst unsere leckeren Früchte ernten, haben wir schon viel mit ihnen erlebt… und sie mit uns.

In den Wintermonaten geht’s los. Während meine Kollegen und ich im Ruhemodus sind und in der frischen, klaren Winterluft vor uns hindösen, bekommen wir den Winterschnitt verpasst. Wir werden ausgedünnt und von alten, abgetragenen Fruchthölzern befreit. Das wirkt wie eine Verjüngungskur und wir können im Herbst qualitativ bessere Früchte hervorbringen. Nach diesem "Natur-Lifting" erwachen wir. Ganz allmählich sprießen die ersten Blätter und wir bilden ganz kleine Knospenansätze aus. Damit ich auch ausreichend mit Nährstoffen versorgt bin, entnehmen die Obstbauern Bodenproben und testen wie das Verhältnis der einzelnen Nährstoffe wie Kalium, Phosphor oder Magnesium im Boden ist.

Im April und Mai verbringen die Obstbauern und ich viele Nächte miteinander. Wenn die Nachtfröste einsetzen, müssen meine empfindlichen Blüten vor der Kälte geschützt werden, damit sie nicht verfrieren. Um das zu verhindern, schlagen sich die Apfelbauern so manche Nacht um die Ohren. Sie beregnen uns Apfelbäume mit kaltem Wasser. Klingt erstmal ungewöhnlich, hilft meinen Blüten aber ungemein. Durch das Beregnen mit sehr feinen Wassertropfen werden meine Blüten eingefroren. Dabei entsteht Kristallisationswärme, die dafür sorgt, dass meine Blüten in ihrem Eismantel geschützt sind. Wir Apfelbäume rücken dann erstmals im Jahr in den Fokus von Fotografen, die dieses Naturschauspiel in Bildern festhalten.
Ab Anfang Mai stehe ich dann in voller Blüte. Um mich herum summt und surrt es aus allen Richtungen.  Honigbienen, Hummeln und Wildbienen fliegen von Blüte zu Blüte, auf der Suche nach dem leckeren Nektar. Neben dem Nektar gib's noch Pollen gratis dazu, von denen sie in der nächsten Blüte einen Teil verlieren. Somit sorgen sie für die wichtige Bestäubung der Blüten, denn: Ohne Bestäubung keine Frucht. Wenn ich mal zu viele Blüten habe, schneidet der Obstbauer einige aus.

Auch in den Sommermonaten bekomme ich den einen oder anderen Schnitt verpasst, wenn beispielsweise meine Triebe zu schnell wachsen. Manchmal werden sie aber auch nur nach unten gebunden. In dieser Zeit sehen uns die Obstbauern sehr genau an, um zu erkennen, wie gut unsere Früchte wachsen und ob es uns gut geht. So sorgfältig wie der Blick auf uns Bäume fällt, so geht er auch auf die Wetterkarte. Wenn jetzt ein Hagelschauer auf mich niedergeht, könnten meine schönen Früchte so stark beschädigt werden, dass sie später beim Verkauf nur einen niedrigen Preis erzielen. Wenn es zu lange zu heiß ist, droht meinen Äpfeln ein Sonnenbrand. Um das zu verhindern, werde ich an diesen Tagen in der Mittags- und Nachmittagshitze beregnet.

Im September beginnt für mich die aufregende Zeit der Apfelernte. Dann ist bei uns auf dem Apfelhof viel los. Erntehelfer, Apfelbaumpaten und Besucher wuseln durch die Baumreihen. Das Pflücken der Tafeläpfel ist auch heute noch Handarbeit. Wichtig beim Pflücken ist, nicht zu viel Druck auf den Apfel zu geben, damit er nicht beschädigt wird. Zu starkes Rupfen von den Ästen kann zudem meine Knospenanlagen für das nächste Jahr beeinträchtigen. Am besten den Apfel vorsichtig anheben und etwas drehen. Wenn er sich dann leicht von meinem Baum löst, ist er reif und landet in der Obstkiste. In den Kisten werden meine Früchte mit kleinen Treckern zum Sortieren gefahren, bevor sie entweder direkt im Hofladen verkauft oder in die regionalen Supermärkte transportiert werden. Ein Teil der Früchte kommt in ein Speziallager. Dieses ist luftdicht, damit der Reifeprozess verlangsamt wird, also eine Art Winterschlaf für die Äpfel. Computergesteuert wird in diesen Lagern die Temperatur, der Sauerstoff- und der Stickstoffgehalt sowie die Luftfeuchtigkeit regelmäßig gemessen. Das hat den Vorteil, dass meine Früchte fast bis zur nächsten Ernte knackig und frisch bleiben und somit lange verfügbar sind, sei es zum Snacken, zum Kochen oder Backen.  Rezeptideen für leckere Gerichte mit Äpfeln und anderen Obstsorten gibt es übrigens hier.

Altes Land -Stade

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